Tea Time

Von Julia Heim, 3. Oktober 2017

Japan

Die japanische Teezeremonie ist eine ruhige, genau festgelegte und oft zeitintensive Prozedur, die weit über die blosse Zubereitung des Tees hinausgeht. Frieden, Harmonie, Hochachtung, Ehrfurcht, Reinheit, Stille und Gelassenheit spielen eine wichtige Rolle. Die Zeremonie, auch der Weg des Tees («Chado» oder «Sado») genannt, ist dem Gast gewidmet, der von der spirituellen, meditativen Atmosphäre im Teehaus profitieren soll. Ein japanisches Teehaus ist klein (viereinhalb Tatami-Matten gross) und im Sukiya-Stil gestaltet, bei dem grossen Wert auf die Verwendung von natürlichen Materialien und auf einen offenen Blick in die Natur gelegt wird. Die Gäste sitzen auf dem Boden, beobachten und üben sich in Geduld und Konzentration. Wer einer traditionellen Zeremonie beiwohnen möchte, muss längst nicht mehr nach Japan reisen – auch wenn ich es wärmstens empfehlen möchte. Im Ryokan-Hotel Hasenberg in Widen AG fühlt sich eine Nacht im traditionellen Zimmer mit Tatamis und Futons an wie ein Kurztrip nach Kyoto, und auch im Museum Rietberg in Zürich lässt sich Japanluft schnuppern. Regelmässig finden dort traditionelle Teezeremonien statt, die während eineinhalb Stunden von Zeremonienmeisterin Soyu Yumi Mukai abgehalten werden.

China

Auch die chinesische Teekultur geht weit über unser Verständnis eines Teeaufgusses hinaus. Die älteste aller Teekulturen spielt auch in der komplementären und alternativen Medizin eine wichtige Rolle. Kräuter, die zu einem Tee aufgegossen werden, sollen körperliche und seelische Beschwerden lindern und Heilungsprozesse fördern. Chinesische Teezeremonien wurden früher vor allem von Mönchen abgehalten, die in der Zubereitung Ruhe fanden und mit ihr ihren Respekt der Natur gegenüber zelebrierten. Heute ist die Zubereitung ein Kulturgut, das soziale Aspekte miteinbezieht und mit dem besondere Begebenheiten gefeiert und gewürdigt werden – dabei ist nicht nur die Teeauswahl, sondern auch das Wasser, die Zubereitungsart und die Atmosphäre während der Zeremonie elementar. Bei der Zubereitung wird meist zwischen Gaiwan- und Gongfu-Cha-Methode unterschieden. Das Zürcher Teehaus Shui Tang bietet immer wieder Kurse an, in denen die Kunst des Gong Fu Cha näher gebracht wird.

Grossbritannien

Auch die britische Teekultur ist fest verankert in der Gesellschaft. Zwar geht die Zubereitung bedeutend schneller als die im asiatischen Raum, weniger wichtig ist sie deshalb aber noch lange nicht. Ein elementarer Unterschied zwischen chinesischer und britischer Teekultur liegt im Tee selbst. Während in China vor allem Grüntee zubereitet wird, lieben die Briten ihren Schwarztee, den sie meist mit einem Schluck Milch trinken. Früher war der Nachmittagstee vor allem ein gesellschaftliches Ereignis, das um 17 Uhr (Five o’Olock Tea) getrunken wurde. Zurück geht dieser Brauch angeblich auf Queen Victoria, die Duchess of Bedford, die zwischen Mittag- und Abendessen ihren Hunger stillen wollte und deshalb zu Tee und Häppchen rief. Auch wenn diese Teestunde heute nicht mehr gleichermassen zelebriert wird, lieben die Engländer ihren Tee – ob am Morgen (Breakfast Tea) oder am späten Nachmittag (Lady oder Earl Grey, Darjeeling, Ceylon) zu Sandwiches und Scones. Schöne Adressen in Zürich sind beispielsweise das Baur au Lac, das Eden au Lac, das Park Hyatt oder das Fauchon im Jelmoli.

Türkei und Maghreb

Bei der türkischen Teezeremonie wird ein starkes Teekonzentrat zubereitet, das kurz vor dem Servieren in Teegläsern mit heissem Wasser verdünnt wird. Der Schwarztee («Çay») wird gesüsst, vor allem zum oder nach dem Essen und oft in Gesellschaft getrunken. Tee zu servieren ist in der türkischen Kultur ein Zeichen der Gastfreundschaft. Dabei spielt auch das Zusammensitzen und Debattieren während des Teetrinkens eine wichtige Rolle. Auch in den Maghreb-Staaten legt man Wert auf guten Tee. Dort ist es vor allem Grün- und Minztee, der gesüsst getrunken wird.

Ostfriesland

Nicht unerwähnt bleiben darf die ostfriesische Teekultur, die mich nicht zuletzt wegen der ostfriesischen Gemütlichkeit immer wieder lächeln lässt. Bei ostfriesischem Tee denke ich meist an schlechtes Wetter und an eine warme Stube, in der dem Gast eine Tasse Tee angeboten und die «Teetied» zelebriert wird. Man trinkt gesüsst mit Kandiszucker und mit ein wenig Rahm. Die ostfriesische Teekultur soll bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen und ist mit Abstand die am stärksten verwurzelte in Deutschland. Ebenfalls ein Kulturgut – verständlich bei etwa 300 Liter Tee, die die Ostfriesen pro Kopf jährlich trinken.

Schweiz

Aber spielt Tee auch in der Schweiz eine Rolle? Oder trinken wir ihn nur im Krankheitsfall? Und ist Tee tatsächlich gesund?

Kürzlich veröffentlichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der schwedischen Uppsala-Universität die Ergebnisse ihrer Studie über die Wirkung von Kaffee und Tee auf menschliche Gene in der Fachzeitschrift «Human Molecular Genetics». Dabei stellten sie verschiedene gesundheitsfördernde Eigenschaften der Heissgetränke in den Fokus, wie die im Tee enthaltenen Polyphenole, die das Risiko für Herzerkrankungen, Krebs und Diabetes verringern sollen. Wie viel wir davon trinken müssen, um die 90 zu überschreiten, bleibt jedoch unklar. Aber auch für kleinere Wehwehchen greifen wir gern zum heissen Aufguss. Magen-Darm-, Nieren- oder Halswehtee finden sich in beinahe jeder Schweizer Hausapotheke.

Gut zu haben

Salbei: Gegen Entzündungen im Mund und Rachenraum, aber auch bei Husten oder Darmbeschwerden soll Salbei helfen. Die frischen Blätter werden mit heissem Wasser übergossen, der Sud muss einige Minuten ziehen.

Pfefferminze: Die antibakterielle und beruhigende Wirkung von Minzeblättern hilft bei Magen- und Darmproblemen. Die ätherischen Öle unterstützen auch den Heilungsprozess bei Erkältungen.

Kamille: Kamillentee ist neben Baldrian wohl einer der bekanntesten Beruhiger und das nicht nur für die Nerven, sondern vor allem für Magenbeschwerden oder geschwollene oder entzündete Stellen. Man sagt der Kamille eine antibakterielle und schmerzlindernde Wirkung nach.

Fenchel: Dieser Tee soll Magen und Darm beruhigend. Er wirkt verdauungsfördernd und krampflösend.

Ingwer: Wer kennt das nicht – bei einer Erkältung greifen wir zur Ingwerknolle und übergiessen sie geschält und in Scheiben geschnitten mit kochendem Wasser. Die enthaltenen ätherischen Öle und Scharfstoffe heizen ein und sollen Entzündungen hemmen. Besonders in der ayurvedischen Heilmedizin wird Ingwer häufig eingesetzt.

Gut zu wissen

Bei Ascona lässt sich ein kleines Paradies besuchen – der Teegarten Monte Verità. Die Unternehmerin Katrin Lange hat das Casa del Tè auf dem Monte Verità gekauft, dazu gehören eine Teeplantage und ein Teeladen in Ascona. Wir haben sie auf eine Tasse Tee zum Interview getroffen.

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